Die Philosophie verlangt nach kühler Überlegung, um mit messerscharfen Unterscheidungen die verhandelten Sachverhalte zu bestimmen, den Schein haltloser Behauptungen zu vernichten und mit schlagenden Beweisen im philosophischen Streit um die Wahrheit den Sieg des besseren Arguments davonzutragen.

Die Kriegs- und Kältemetaphorik, in der Philosoph*innen oft ihre Tätigkeit beschreiben, hat nicht nur eine lange Tradition, sondern kommt heute noch zum Einsatz. Auch jüngere Umfragen und aktuelle Diskussionsrunden lassen vermuten, dass in der Philosophie ein rauer Wind weht und ein kühles Klima herrscht: Bereits viele Studierende, noch mehr der wissenschaftliche Nachwuchs, sehen sich durch diese Atmosphäre in einen Habitus der Selbstbehauptung gezwungen – und beklagen dies durchaus. Insbesondere Angehörige von Minderheiten (etwa im Hinblick auf ihre Herkunft, ihr Alter oder ihr Geschlecht) fühlen sich von den etablierten Arbeits- und Kommunikationsformen in der Philosophie benachteiligt, ausgeschlossen und in ihren Entfaltungsmöglichkeiten eingeschränkt.

Wir wollten diese Ergebnisse zum Anlass für eine grundsätzliche kritische Selbstreflexion des Faches nehmen: Welche konkreten Verhaltensgewohnheiten und institutionellen Strukturen sind es, die diese Atmosphäre erzeugen? Wie lässt sich ein Problembewusstsein für benachteiligendes und diskriminierendes Sprechen und Handeln schaffen? Sind die herrschenden Arbeits- und Kommunikationsformen tatsächlich erforderlich, um erfolgreich philosophieren zu können und begriffliche Klarheit zu erreichen? Oder lassen sich nicht kooperativere Arbeitsformen etablieren, die für alle produktiv wirken und ein fruchtbares Arbeitsklima anstelle eines »chilly climate« schaffen?

Hierzu fand am 8.1.2016 in Jena eine Veranstaltung der DGPhil und des Institutes für Philosophie der Friedrich-Schiller-Universität (Lehrstuhl für Praktische Philosophie), unterstützt vom Fachschaftsrat Philosophie und SWIP Germany e.V., statt, die sich in einen Workshop und eine Podiumsdiskussion gliederte. Die Organisation übernahmen v.a. Daniel Kersting (wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl) sowie die Hilfskräfte Hannah Peaceman, M.Sc., Karolin Stüber, B.A., und Marian Nestroy.

Sowohl der Workshop als auch die Podiumsdiskussion waren sehr gut besucht. Die gesamte Veranstaltung ist in mehreren umfangreichen Beiträgen dokumentiert in den Mitteilungen der DGPhil, Nr. 31 (Frühjahr 2016). Weiter unten auf dieser Seite finden Sie in Kürze auch die autorisierten Audio-Mitschnitte von Workshop und Diskussion.

Workshop

In dem dreistündigen Workshop wurden an ausgewählten Beispielen Mechanismen von Diskriminierung und Ausgrenzung in Seminarsituationen rekonstruiert und nach Strategien ihrer Veränderung oder Überwindung gesucht.

Leitung des Workshops

Dr. Katrin Wille (Universität Hildesheim) ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Philosophie. Sie arbeitet an einem Projekt zur Beschreibung, Analyse und Kritik der Praxis begrifflichen Unterscheidens. Seit langem interessiert sie sich für Modi der institutionellen Selbstreflexion und -kritik der gegenwärtigen akademischen Philosophie. Sie arbeitete in mehreren freiberuflichen Projekten zur Beratung von Institutionen.

> Audio-Mitschnitt der Begrüßung von Prof. Dr. Andrea M. Esser zum Workshop (MP3)

> Audio-Mitschnitt des Einführungsvortrags von Dr. Katrin Wille zum Workshop (MP3)

Podiumsdiskussion

Das Podium war thematisch breiter angelegt und blickte über den Workshop hinaus auf andere Bereiche der institutionellen Philosophie. Vier Vertreter*innen des Faches berichteten von ihren Erfahrungen in der akademischen Philosophie und erörtern Möglichkeiten, wie die Philosophie integrativer werden könnte.

> Audio-Mitschnitt der Podiumsdiskussion (MP3)

Teilnehmer*innen des Podiums

Ulrike Nack, B.A. (Universität Leipzig) schließt gerade ihr Philosophiestudium mit einer Arbeit über Aristoteles ab. Sie engagiert sich politisch für feministische Anliegen und versucht, diese auch in die universitären Institutionen zu tragen – unter anderem durch das wissenschaftliche Magazin Powision, dessen Mitherausgeberin sie ist.

Dr. des. Eva v. Redecker (Humboldt-Universität zu Berlin) ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für praktische Philosophie und arbeitet an der Schnittstelle von Kritischer Theorie und feministischer sowie (post-)strukturalistischer Sozialphilosophie. 2011 erschien die Einführung Zur Aktualität von Judith Butler.

Prof. Dr. Dr. h.c. Dominik Perler (Humboldt-Universität zu Berlin) hat eine Professur für Theoretische Philosophie inne. Seine Forschung konzentriert sich auf die Philosophie des Mittelalters und der frühen Neuzeit. Derzeit ist er Präsident der Deutschen Gesellschaft für Philosophie (DGPhil).

Prof. Dr. Hilge Landweer (Freie Universität Berlin) ist Professorin für Philosophie mit den Arbeitsbereichen Phänomenologie, Ethik und interdisziplinäre Geschlechterforschung. 2012 gab sie den Sammelband Philosophie und die Potenziale der Gender Studies heraus.

Moderation

Daniel Kersting (Friedrich-Schiller-Universität Jena) ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Praktische Philosophie.

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