Mit Philosophie zum Marktführer

Bericht von Tomas Wehren

September 2013

Wer schon einmal nach einem fachlichen Ratgeber zu einem Computer- oder Fotografiethema gesucht hat, wird vielleicht den Verlag Galileo Press kennen. Verlagsleiter von Galileo Press ist Tomas Wehren, ein studierter Philosoph, der hier über seinen beruflichen Werdegang berichtet.

Ich habe Philosophie und Deutsche Sprache und Literatur studiert und das Studium mit dem 1. Staatsexamen abgeschlossen. Ein Berufsziel hatte ich nicht; mir ging es um Bildung durch Philosophie und Literatur. Philosophisch hat mich vor allem die Hermeneutik, die Phänomenologie, die Sprach- und die Geschichtsphilosophie angezogen. Meine Staatsexamensarbeit war dem Sprach- und Literaturbegriff Heideggers gewidmet. Es hat sehr lange gedauert, bis ich der Meinung war, wirklich etwas gelernt und verstanden zu haben. Ich wäre gerne an der Universität geblieben, aber meine Aussichten waren zu ungewiß. Ein Promotionsstudium habe ich darum nicht zu Ende gebracht.

Meine beruflichen Optionen waren damals sehr bescheiden. Während des Studiums hatte ich als studentische Hilfskraft gearbeitet und als Aushilfsfahrer. Ich konnte ein längeres Praktikum bei Siemens in der Softwaredokumentationsabteilung vorweisen und Erfahrungen als Korrektor für einen Computerbuchverlag. Mit Computern hatte ich bis dahin wenig im Sinn. Aber ich dachte mir, auch Computerbücher sind Bücher, und das Büchermachen, das faszinierte mich. Ich nutzte meine bestehenden Kontakte und meldete ein Gewerbe als freier Lektor an. Das war mein beruflicher Anfang.

Je vertrauter ich mit der Arbeit der Fachautoren und der Verlagslektorate wurde, je deutlicher schien mir, dass doch einiges in diesem Branchenzweig zu verbessern sei. Das gab mir Selbstbewußtsein und die Ahnung einer beruflichen Aufgabe. Dann erhielt ich das Angebot eines renommierten IT-Fachverlags, befristet und freiberuflich einen Lektor zu vertreten. Das war meine Chance für den Einstieg in die Verlagswelt, und ich nutzte sie. Zunächst war ich als Lektoratsassistent angestellt, doch schon bald wurde ich zum Lektor befördert und verantwortete einen eigenen Programmbereich. Ich war ehrgeizig, ich wollte etwas bewegen. Und ohne Zweifel hatte mein Blick für das, was ist, und das, was sein soll, etwas mit meiner philosophischen Bildung zu tun. 

Nach kaum drei Jahren bot sich eine weitere, entscheidende berufliche Chance. Im Rahmen einer internationalen Konzernakquisition sollte unser Verlag ausgerechnet mit unserem ärgsten Konkurrenten zusammengelegt werden, und schlimmer noch, an dessen Sitz und unter dessen Führung. Dieser Plan berührte unser verlegerisches Selbstverständnis, und es kam die Idee auf, nicht nur nicht mitzumachen, sondern es selbständig und besser zu machen. So gründeten eine Handvoll Mitarbeiter den Verlag Galileo Press, und es war kein Zufall, dass wir uns als Namenspatron einen Wissenschaftler und Philosophen gewählt hatten, mit dem man den Anfang einer neuen Zeit und einer radikal neuen Sehweise in Verbindung bringt.

In Anlehnung an Galileis berühmten Ausspruch »Und sie bewegt sich doch« verstanden wir uns als ein »Verlag in Bewegung«, und damit waren durchaus auch philosophische Tugenden gemeint: auf den Kopf gehen, die Perspektive ändern, die Dinge reflektierend in die Schwebe bringen, das Mögliche erkunden, Neues wagen.

Diese offene, denk- und lernfreudige Kultur, in der die bessere Idee und nicht die höhere Position zählt, hat sich bis heute erhalten, zumindest, soweit das in einem größer gewordenen Unternehmen möglich ist. Und diese Kultur ist gewiß ein wesentlicher Grund für den erstaunlichen Erfolg des Verlags. Heute ist Galileo Press der größte Verlag in seiner Branche, und der Verlag, in dem meine Karriere begann, ist nicht nur als Marktführer abgelöst, er hat sich ganz aus unserem Geschäft zurückgezogen.

Die Leitung von Galileo Press teile ich mit zwei weiteren Geschäftsführern, jeder von uns führt einen Kernbereich des Unternehmens. Gemäß meinem Bildungsweg bin ich für das Verlegerische zuständig und verantworte die Entwicklung des Programms und die Herstellung der Produkte. Da bei Galileo Press die verlegerische Sicht im Zusammenspiel mit der kaufmännischen und vertrieblichen die führende ist, stehe ich als Verlagsleiter in besonderer Weise auch für das Ganze ein. Meine Aufgabe ist, den Ideenaustausch zu fördern und zu moderieren, Ziel- und Strategieentwürfe zu formulieren, Leitbilder für die Unternehmens- und die Produktkommunikation zu entwickeln, das Selbstverständnis und die Kultur des Unternehmens zu wahren und ganz allgemein grundlegende Fragen zur Entscheidung zu bringen und dem Entschiedenen Akzeptanz und Geltung zu verschaffen. Das alles gelingt natürlich nur im Team, im Austausch und in Zusammenarbeit mit allen Mitarbeitern im Verlag. 

Je länger ich diese Arbeit mache, je deutlicher wird mir, wie sehr mir mein gelerntes philosophisches Handwerk dabei nützlich ist: der phänomenologische Blick für die »Sache selbst«, das hermeneutische Verständnis für Kontextualität und Sprachlichkeit, die erkenntniskritische Bewertung von Wahrheitsansprüchen, das Fragen- und das Springenkönnen und nicht zuletzt der vertiefte Sinn für das Zwecklose, Selbstgenügsame, Vollkommene.

Dass genuin philosophisches Denken zwecklos ist, bringt es in eine ambivalente, spannungsreiche Beziehung zur durchgängigen Zweckgebundenheit in der Unternehmenswelt. Gerade in seiner Praxisferne – weil es über die Praxis hinausgeht – kann philosophisches Denken die Praxis sich selbst übertreffen lassen und sie weiter bringen als das pragmatische Denken. Dazu muß es sich aber im richtigen Augenblick zurückrufen und mit seinem Ertrag der Sache und dem Team zu Diensten sein. Tut es dies nicht, wird es in seiner Selbstgenügsamkeit leicht als fremd, überflüssig, eitel oder anmaßend wahrgenommen werden.

Wer als Philosoph in die Wirtschaft geht, sollte sich bewußt sein, dass er immer ein wenig ein Außenstehender ist, jedenfalls sofern und solange er Philosoph ist. Zu raten ist, den Habitus als Philosoph abzulegen, das Eigenrecht der Praxis anzuerkennen, den pragmatischen Wert der Pragmatiker zu würdigen und im übrigen sich selbst treu zu bleiben.

Für das Studium empfehle ich, Philosophie nicht anders als um ihrer selbst willen zu studieren. Wer sich ganz der Philosophie widmet, dem wird sie etwas geben, was später auch beruflich von Nutzen sein kann. Unmittelbar berufsrelevante Qualifikationen sollten neben dem Studium erworben werden. Von den einschlägigen Weiterbildungsangeboten der Universitäten halte ich persönlich wenig. Ein Aushilfsjob z.B. als Verkäufer qualifiziert einen Bewerber gewiß mehr als die Teilnahme an einem Kurs über „Rhetorik“ oder „Betriebswirtschaft für Philosophen“. Durch Praktika und Aushilfstätigkeiten kann man wertvolle Praxiserfahrungen sammeln und vielleicht auch schon Kontakte für den späteren Berufseinstieg knüpfen. Wer Gutes leistet, sollte sich das in einem Zeugnis von seinem Arbeitgeber bestätigen lassen. Erwerb von Fremdsprachenkompetenz ist immer von Vorteil. Und wem es auch für seine philosophische Ausbildung Gewinn bringt, der sollte gerne auch ein Semester im Ausland studieren.

Im übrigen sollte man sich mit dem, was Anlaß zu diesem Beitrag gegeben hat, nicht allzusehr befassen. In dem Maße, in dem Fragen zur Berufsqualifizierung das Studium bestimmen, in dem Maße läuft man Gefahr, am Ende beides zu verfehlen, die Philosophie und den erfolgreichen Start ins Berufsleben.