»Da lernen Sie zu denken.«

Ein Gespräch mit Michael Sahr

geführt von Francesca Merz
September 2013

Zur Person

1970
geboren 

1992–1997
Universitätsstudium in Tübingen, Amherst, Mass., und St. Gallen. Abschluss in Tübingen als Magister Artium in den Fächern Allgemeine Rhetorik, Philosophie und Kunstgeschichte

1994–1996
Redakteur bei Hörfunk (Südwestfunk) und Zeitung (Schwäbisches Tagblatt), Tübingen

1996–1998
Redakteur im ZDF-Landesstudio Baden-Württemberg, Stuttgart

1998–2000
Redakteur beim ZDF-Magazin hallo Deutschland, Mainz

2000–2004
Redakteur und Moderator im ZDF-Börsenstudio, Frankfurt am Main

2005–2011
Programmreferent des ZDF-Intendanten, Mainz

2011–
Redakteur in der ZDF-Programmdirektion, Hauptredaktion Kultur, Redaktion »Kirche und Leben evangelisch«, sowie Redakteur und Moderator bei PHOENIX

Der Redakteur und Moderator Michael Sahr kam auf sehr ungewöhnliche Weise zur Philosophie. Als  Schüler interessierte er sich zunächst besonders für die Börse und gründete mit Freunden sogar einen Aktienclub. Kurz nach dem Abitur, 1990, besuchte Sahr eine Veranstaltung, auf der auch der Börsen- und Finanzexperte André Kostolany als Vortragender anwesend war. Während der Abiturient sich ein Buch von Kostolany signieren ließ, fragte er diesen, was er denn studieren solle. Der Börsenguru gab ihm den schlichten Rat, doch das zu tun, wozu er Lust hatte. Nachdem Sahr, noch immer sehr unsicher, Jura oder BWL vorgeschlagen hatte, meinte Kostolany: »Studieren Sie Philosophie und Kunstgeschichte. Da lernen Sie zu denken und zu sehen.« Der Börsenexperte selbst hatte nämlich genau diese beiden Fächer studiert.

Bevor Michael Sahr jedoch tatsächlich in Tübingen begann, Philosophie, Kunstgeschichte und Angewandte Rhetorik zu studieren, versuchte er es zunächst »mit einem vernünftigen Fach«: Wirtschaftswissenschaften in St. Gallen. Auf die Frage, wie lange er diesem Studium denn nachgegangen sei, antwortet er lachend: »Drei Tage. Doch bis ich meinem Bauchgefühl vertraut habe und das Studium tatsächlich abgebrochen habe, dauerte es ein halbes Jahr.«

Auch nach seinem Wechsel an die Universität Tübingen hatte Sahr sein eigentliches Ziel, eine Tätigkeit in der freien Wirtschaft, nicht aus den Augen verloren. »Dass ich in die Wirtschaft gehen wollte, lag nahe – nur die Form war noch unklar. Hier hat mich mein Elternhaus sehr geprägt, denn mein Vater war in der Textilmaschinen-Industrie.« Doch die Entscheidung, Philosophie zu studieren, um in der Wirtschaft erfolgreich zu sein, erschien Sahr nie ungewöhnlich. 

Auch Personen aus seinem Umfeld haben dies immer unterstützt: 

Der Vater kommentierte den Entschluss folgendermaßen: »Wenn du in der Wirtschaft etwas werden willst, studiere Philosophie. Da lernst du selbstständiges Denken. Solche Leute braucht man da.«

Der Wirtschaftsprofessor in Sankt Gallen meinte: »Studieren Sie nur Philosophie. Der Chef der PTT [damalige Post- und Telekommunikationsbehörde]) hat das ja auch gemacht.«

Peter Littmann, ehemaliger Vorstandsvorsitzender der Hugo Boss AG, antwortete während eines Interviews, das Sahr einmal mit ihm führte, auf die Frage, ob man als PhilosophIn in der Wirtschaft erfolgreich sein könne, Folgendes: »Natürlich. Entscheidend ist doch, was für ein Mensch als Ganzes vor einem sitzt. Die Persönlichkeit als Einheit zählt.« Auch Littmann hat selbst neben BWL Philosophie studiert.

Dass man mit Philosophie durchaus erfolgreich sein kann, ist für Michael Sahr völlig klar: »Mit Philosophie lernt man das Denken, und das braucht man nicht nur zum Taxifahren. Viele, selbst Philosophie-Studierende, haben aber eine Schranke im Kopf und sehen die Philosophie als brotlose Kunst, unfähig, auf dem Arbeitsmarkt bestehen zu können.«  Dass dies aber eben nicht der Fall ist, belegt Sahr mit zahlreichen Beispielen aus dem Ausland. In der Schweiz habe die Philosophie einen viel höheren Stellenwert, in Großbritannien sei eine Tätigkeit in der Wirtschaft oder Politik mit einem Abschluss in Philosophie ebenfalls nichts Ungewöhnliches.

Heute ist Michael Sahr zwar nicht in der Wirtschaft, sondern als Moderator und Redakteur bei ZDF und Phoenix – seine Berufsbezeichnung ist aber stets, unabhängig vom genauen Tätigkeitsfeld, die gleiche: Philosoph. Und auch zur Wirtschaft hat er nie den Bezug verloren, so war er etwa Reporter für das ZDF an der Frankfurter Börse.

Da das Studium der Rhetorik in Tübingen sehr praxisorientiert war, sammelte Sahr schon früh Berufserfahrungen. So absolvierte er zunächst ein Praktikum beim Hörfunk – hier »lernte er zu sprechen« – später bei der Zeitung – hier »lernte er zu schreiben“. Diese beiden Fähigkeiten ermöglichten ihm den Berufseinstieg beim Fernsehen. Doch auch dieser war mit harter Arbeit verbunden: »Am Anfang hatte ich einen Schreibtisch, einen Computer, ein Telefon. Um Aufträge musste ich mich selbst kümmern, ein Gehalt wurde mir nicht garantiert.« Doch genau diese Umstände brachten ihn voran: Er war gezwungen, sich selbst Gedanken zu machen, kreativ zu sein und vor allem hart zu arbeiten. Gerade das Arbeiten und Ausprobieren, Flexibilität und Begeisterungsfähigkeit, sind laut Sahr unabdingbare Faktoren für einen erfolgreichen Berufseinstieg – in welchem Tätigkeitsfeld auch immer.

Eine wissenschaftliche Laufbahn hingegen war nie eine Alternative für Sahr. Mit dem Gedanken, zu promovieren, fühlte er sich nicht wohl. Außerdem habe er zu dem Zeitpunkt bereits gelernt, auf sein Bauchgefühl zu vertrauen: »Es ist wichtig, dass man den Mut hat, etwas sein zu lassen, wenn man merkt, dass man nicht gut darin ist.«

Auf die Frage, ob ihm die Beschäftigung mit der Philosophie im Alltag nicht fehle, antwortete Sahr: »Ich kann jeden Abend ein philosophisches Buch lesen, ich kann jeden Tag auf der Arbeit das Menschenbild eines Aristoteles oder eines Karl Popper anwenden. Außerdem ist es mir wichtig, Philosophie im konkreten Tun zu leben.«

Am Ende des Interviews fragte ich Michael Sahr, welche Tipps er persönlich Philosophie-Studierenden mit auf den Weg geben kann. Genannt hat er folgende:

  1. Eine gute Balance zwischen Philosophie-Studium und privatem Bereich finden
  2. Gleichermaßen eine gute Balance zwischen Philosophie-Studium und Arbeit bzw. Ehrenamt finden – nicht nur, um Geld zu verdienen, sondern auch um durch eine praktische Tätigkeit bereits einen Bezug zum späteren Berufsleben zu haben und Erfahrungen sammeln zu können
  3. Für gewisse Zeit ins Ausland gehen, um zu lernen, über das eigene Handeln und das eigene Umfeld zu reflektieren
  4. Bei Entscheidungen in Bezug auf Studium, Erwerbstätigkeit, Praktika etc. nicht nur nach dem Nützlichkeitsaspekt, sondern auch nach Interesse vorgehen 
  5. Sich bewusst machen, dass diejenigen, die sich ausschließlich am Nützlichkeitsaspekt orientieren, nicht immer die Erfolgreichsten sind
  6. Es gibt immer mehrere Ebenen von Erfolg und Karriere: Welcher Erfolg ist mir am wichtigsten?
  7. Stolz sein auf das Studium und es nicht als Karriere-Einschränkung, sondern als besondere Qualifikation begreifen – die Kompetenzen, die man im Studium erlernt hat, gilt es auch anzuwenden
  8. Da der spätere Beruf nicht klar vorgegeben ist, muss man lernen, mit  der Ungewissheit und den damit verbundenen materiellen Ängsten und Zukunftsängsten umzugehen.
  9. In dieser Ungewissheit liegen aber auch Freiheit und zahlreiche Möglichkeiten, die es zu erkennen gilt.
  10. Es ist wichtig, auch Fehler zu machen bzw. machen zu dürfen, da gerade Erfahrungen es sind, die uns voranbringen.
Michael Sahr (hier im Gespräch mit Uschi Obermaier)
Bild: Michael Sahr u. Uschi Obermaier