Als Philosophin im »Third Space«

Bericht von Dr. Meike Siegfried

November 2013

Als ich die Anfrage zur Mitwirkung an dem Projekt »Berufsfelder für PhilosophInnen« erhielt, habe ich gerne zugesagt. Die Motivation für meine Studienfachwahl war Vorfreude auf die inhaltlichen Themen, doch schon nach der Orientierungsphase an der Universität begann mich die Frage nach den späteren Chancen auf dem Arbeitsmarkt verstärkt zu beschäftigen. Sicherlich geht es vielen Philosophie-Studierenden ähnlich und vielleicht kann das Projekt der DGPhil ein Stück weit zur Orientierung beitragen.

Mein bisheriger Werdegang in Kürze: 1999–2005 Studium der Philosophie, Germanistik und Theaterwissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum (RUB); 2009 Promotion in Philosophie mit einer Arbeit zu Martin Heidegger und Martin Buber; 2009–2011 wissenschaftliche Mitarbeiterin in dem BMBF-Projekt »Kulturen der Gerechtigkeit« an der RUB; seit 2012 wissenschaftliche Mitarbeiterin in dem Projekt LernkulTour an der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst in Hildesheim/Holzminden/Göttingen (HAWK), einem Projekt zur Verbesserung der Qualität der Lehre, gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung. Angekommen bin ich also im sogenannten »Third Space«, im Feld hochschulinterner Tätigkeitsbereiche an der Schnittstelle von Wissenschaft und Verwaltung. Für alle Interessierten folgt eine ausführlichere Beschreibung des Weges dorthin. 

Eine Anmerkung ist mir jedoch wichtig: Obgleich meine Promotion bereits einige Jahre zurückliegt, sehe ich mich weiter auf dem Weg einer beruflichen Orientierung, von dem ich nicht weiß, wo er mich in zehn Jahren hingeführt haben wird. Ich kann daher keinen Bericht von einer geradlinigen Entwicklung geben, die zu einem endgültigen Ziel geführt hat, und aus der sich direkte Empfehlungen ableiten ließen. Ich werde im Folgenden einfach einige Stationen und Aspekte benennen, die mir im Nachhinein als besonders wichtig erscheinen. Wer daraus konkrete Anregungen und Tipps für die eigene Gestaltung des Studiums und die Zeit der Berufsfindung ableiten möchte, kann dies selbstverständlich tun. 

Studium

Im Rückblick bin ich froh, meine Fächer im sogenannten »Reformmodell zur Neustrukturierung des Magisterstudiums« studiert zu haben. Vor allem die mit diesem Studienprogramm verbundene Belegung von EDV- und Sprachkursen sowie die Absolvierung eines Pflicht-Praktikums habe ich als sinnvolle Ergänzung zu den rein fachlichen Veranstaltungen erlebt. Das Praktikum in der Dramaturgie des Theater Hagen hat mir früh gezeigt, dass mein Berufswunsch Dramaturgin wohl doch nicht das Richtige für mich sein würde – trotz der sehr bereichernden Wochen im Theaterbetrieb. 

Im Verlauf des Studiums hat mich vor allem die philosophische Herangehensweise an bestimmte Fragestellungen fasziniert und der Schwerpunkt hat sich auf dieses Fach verlagert. Einfluss auf die Entscheidung, Philosophie als Magister-Hauptfach zu wählen, hat sicherlich auch meine Tätigkeit als studentische Hilfskraft am Institut für Philosophie und die damit verbundenen Einblicke gehabt.

Promotion und Weiterqualifizierung

Zur Zeit der Magister-Prüfungen haben mich die Gedanken an die Berufschancen danach besonders beschäftigt. Kurz hintereinander habe ich Weiterbildungen in Marketing, Öffentlichkeitsarbeit und Personalmanagement belegt. Ich habe einiges gelernt, doch eigentlich wollte ich weder im Marketing arbeiten noch als PR-Agentin oder Personalreferentin. Vielmehr hatte ich große Lust, das Thema meiner Magisterarbeit in einer umfangreicheren Arbeit zu vertiefen und noch einmal anders zu beleuchten – mich also im Rahmen einer Promotion intensiv damit zu befassen und ein »richtiges« Buch zu schreiben. Inzwischen gibt es dieses Buch und dank einer Beschäftigung als wissenschaftliche Mitarbeiterin konnte ich mich in Ruhe diesem Projekt widmen. 

Als sehr hilfreich zur Orientierung und zum Austausch jenseits der eigenen Fachdisziplin habe ich in dieser Zeit die Teilnahme an dem Doktorandinnen-Förderprogramm mentoring3 der Universitätsallianz Metropole Ruhr erlebt. Von meinen beiden Mentoren – ein Professor und eine Professorin  – habe ich wertvolle Einblicke in die Organisation Hochschule erhalten und konkrete Tipps, auf welche Aspekte bei Bewerbungen im Hochschulbereich besonders geachtet wird. 

Lehre und hochschuldidaktische Weiterbildung: Stark profitiert habe ich auch von der Chance, früh eigene Lehrveranstaltungen zu geben. Zu lehren hat mir von Anfang an große Freude gemacht, doch den Rollenwechsel – eben noch Seminarteilnehmerin, jetzt Lehrperson – habe ich auch als echte Herausforderung wahrgenommen. So fing ich an, Workshops im Rahmen der hochschuldidaktischen Weiterbildung an der RUB zu belegen; ich hatte Lust auf den Austausch mit anderen (meist jungen) Lehrenden und war interessiert an Anregungen, auch mal etwas bewusst anders zu machen als ich es selbst im Studium erlebt hatte. Mein Interesse an den Inhalten des Fortbildungsprogramms hielt an und ich habe nach einigen Semestern das Gesamtzertifikat »Professionelle Lehrkompetenz für die Hochschule« erworben.

Orientierungsfindung nach der Promotion und Ankommen im »Third Space«

Nach der Promotion konnte ich als wissenschaftliche Mitarbeiterin in ein interdisziplinäres Verbundprojekt unter Beteiligung von PhilosophInnen an der RUB einsteigen. Es gab also zunächst einmal keinen Bruch, sondern ich war weiter in Forschung und Lehre aktiv, wobei ein großer Teil meiner Aufgaben im Projekt in der Mitarbeit bei der Verbund-Koordination bestand. Somit konnte ich intensivere Erfahrungen im Bereich »Projektmanagement« in der Forschung machen. 

2011 lief diese Stelle aus. Für mich ging es nicht nur um die Frage nach dem nächsten Job, sondern um eine grundlegende Orientierung für meine berufliche Weiterentwicklung. Im Hochschulbereich wollte ich auf jeden Fall bleiben und habe mich »zweigleisig« beworben: auf Stellen im Bereich Philosophie sowie im »Third Space« (Drittmittel-Beratung und -Akquise, Projektkoordination, Hochschuldidaktik). Aus Interesse, aber auch zur Verbesserung meiner beruflichen Chancen, habe ich 2012 zusätzlich eine Fortbildung als Coach begonnen. Nach einigen Bewerbungsgesprächen habe ich schließlich die Stelle an der HAWK in Hildesheim angeboten bekommen und gerne angenommen.

Meine Aufgaben als »didaktische Beraterin« bei LernkulTour sind vielfältig: Wir beraten einzelne Lehrende, die sich Feedback zu ihrer Veranstaltung wünschen, wir organisieren hochschuldidaktische Weiterbildungen und begleiten Fakultäten bei Veränderungsprozessen, z.B. bei der Gestaltung der Studieneingangsphase. Inhaltliches Wissen aus dem Philosophiestudium ist eher selten gefragt, doch erlebe ich andere Kompetenzen, die sich in der Beschäftigung mit philosophischen Fragestellungen ausbilden lassen, als sehr hilfreich: Argumentations- und Präsentationsvermögen, Sprachsensibilität, analytische Fähigkeiten, Kreativität, konzeptionelles Denken und Kritikfähigkeit. Meine Erfahrung ist, dass uns PhilosophInnen zudem bei einer beratenden Tätigkeit unsere Praxis eines ergebnisoffenen Fragens sehr zu Gute kommt: Im gelungenen Coaching wird das Gegenüber schließlich angeregt, selbst Lösungen für bestimmte Probleme zu entwickeln, und nicht, vorgegebene Konzepte einfach umzusetzen. 

»Man träumt gar nicht, oder interessant. – Man muss lernen, ebenso zu wachen: – gar nicht, oder interessant«, so Nietzsche in der Fröhlichen Wissenschaft. Für all diejenigen PhilosophInnen, die offen sind, »Interessantes« auch in anderen Arbeitsfeldern zu entdecken, könnte dies ein Leitspruch sein.