02.06.2020

Brief an die Mitglieder zur Corona-Pandemie

Gemeinsames Schreiben des erweiterten Vorstandes

Liebe Mitglieder der Deutschen Gesellschaft für Philosophie,

die Corona-Pandemie und die ergriffenen politischen Maßnahmen zu ihrer Eindämmung stellen Forschung, Lehre und Studium sowie den Unterricht an Schulen vor enorme Herausforderungen. Derzeit arbeiten Lehrer*innen, Professor*innen, Mitarbeiter*innen, Lehrbeauftragte wie auch Studierende intensiv daran, unter radikal veränderten Rahmenbedingungen den Lehr-, Forschungs- und Unterrichtsbetrieb aufrecht zu halten, Abschlussprüfungen unter veränderten Umständen durchzuführen und vieles mehr. Die Lehre wird mit digitalen Provisorien und neuen kreativen Formen bestritten, Nachteile werden versucht individuell auszugleichen, Spielräume für eine flexible und kreative Gestaltung der Lehre werden ausgelotet. Viele von uns bemühen sich darum, dem Ausnahmecharakter der gegenwärtigen Situation so Rechnung zu tragen, dass jenen Studierenden sowie Schüler*innen, die von der Krise besonders betroffen sind, nicht noch zusätzliche Bildungsnachteile entstehen.

Mit Besorgnis nehmen wir die Entscheidung vieler Hochschulleitungen zur Kenntnis, das laufende Semester trotz aller Widrigkeiten als ein »reguläres« Semester stattfinden zu lassen. Es besteht die Gefahr der Individualisierung hierdurch erzeugter Härten. Weder lässt sich derzeit sagen, wie effektiv verschiedene Formen digitaler Lehre sein werden, noch lässt sich sicherstellen, dass tatsächlich alle Studierende in gleichem Maße daran teilnehmen können. Mit hoher Wahrscheinlichkeit verstärken Selbststudium und asynchrone Formate der Lehre bestehende Ungleichheiten und machen es Studierenden bzw. Lehrenden schwerer, konkrete Unterstützungsbedarfe zu artikulieren bzw. zu erkennen. Wie in zahlreichen Petitionen und offenen Briefen gefordert, erachten auch wir es deshalb für sinnvoll, alle Maßnahmen zur Aufrechterhaltung von Lehre, Studium und Forschung im laufenden Semester in dem Bewusstsein zu ergreifen, dass sie ein »reguläres« Semester nicht – zumindest nicht für alle – garantieren.

Auch die Schulen haben im Rahmen der aktuellen Maßnahmen mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen. Oft ist die digitale Infrastruktur in den Schulen oder auch bei den Schüler*innen nicht ausreichend, um umfassenden Online-Unterricht zu gewährleisten. Trotz vielfältiger Bemühungen ist zu befürchten, dass sich ohnehin vorhandene Chancenungleichheiten verschärfen. Die Betreuung der Kinder im Fernunterricht kann nicht von allen Eltern gleich gut geleistet werden. Häufig wechselnde politische Vorgaben erschweren die Sicherstellung von einigermaßen verlässlichem Präsenzunterricht. Die Fächer Ethik und Philosophie, die nicht zu den Kernfächern gehören und überdies sehr diskursiv angelegt sind, finden in der gegenwärtigen Situation besonders schwierige Bedingungen vor.

Die DGPhil wird im Rahmen einer neu gegründeten vorstandsinternen Arbeitsgruppe zur Corona-Krise die aktuellen Entwicklungen kritisch begleiten. Dazu ist eine umfassende Bestandsaufnahme der gegenwärtigen Situation und der sich abzeichnenden mittel- und längerfristigen Folgen der Krise erforderlich. Es ist von großer Bedeutung, dass die unterschiedlichen Erfahrungen und Belastungen aus Sicht aller universitärer Statusgruppen, einschließlich der Studierenden, Berücksichtigung finden, und dabei auch die Situation des Philosophie- und Ethikunterrichts an den Schulen nicht aus dem Blick gerät. Wir laden Sie deshalb dazu ein, uns per E-Mail Ihre Erfahrungen und Schwierigkeiten, die Sie in ihrem Arbeitsalltag (sei es im Studium, der Lehre, in der Forschung oder in der Schule) gegenwärtig zu bewältigen haben, mitzuteilen: Erfahrungen etwa in Bezug auf Distanzlehre, die Chancen, Herausforderungen und Grenzen der Digitalisierung, in Bezug auf Verwaltungsstrukturen und Prüfungsämter, Deputatsanrechnungen oder Härtefallregelungen, in Bezug auf familiär bedingte Mehrfachbelastungen oder prekäre Beschäftigungsverhältnisse. Gestützt auf diese Erfahrungen lassen sich gemeinsam Problemlösungsstrategien entwickeln und ggf. auch konkrete bildungs-, hochschul- und wissenschaftspolitische Forderungen formulieren. Es ist bereits absehbar, dass auch im nächsten Semester eine Rückkehr zum »Normalbetrieb« nicht möglich sein wird. Dann wird es hilfreich sein, auf bereits erprobte Formate zurückgreifen zu können und erfahrungsgestützt gezielt Verbesserungsvorschläge zu machen.

Bitte schicken Sie Ihre Einsendungen jederzeit, spätestens aber bis zum 1. September 2020 an folgende Adresse: dgphil-corona@lists.uni-marburg.de

Wir wünschen Ihnen alles Gute und viel Kraft für die Bewältigung der anstehenden Aufgaben.

Mit den herzlichsten Grüßen



Der erweiterte Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Philosophie